Freitag, 21. März 2014

Album-Vorstellung: Kevin Drew "Darlings"

Kevin Drew
Kevin Drew ist der unauffällige Mann aus der zweiten Reihe. Weder sieht er aus wie ein Rockstar, noch benimmt er sich so. Das heißt zwar nicht, dass der Kanadier in irgendeiner Weise öffentlichkeitsscheu oder gar introvertiert sei, nein, nur wirkt er eben mehr wie der nette Kerl von nebenan als wie einer der vielleicht interessantesten Gegenwartsmusiker, den die Independentszene zu offerieren hat. Nicht wirklich erwachsen und doch immer für ein abendliches Bier in der nächsten Kneipe zu haben. Umso größer werden die Augen, wenn man denselben milchgesichtigen Burschen plötzlich auf riesigen Stadienbühnen, inmitten seiner Großfamilie, der Broken Social Scene, entdeckt. Jenem Künstlerkollektiv, das Drew 1999 zusammen mit seinem Kollegen und Kumpel Brendan Canning gründete und zu dessen Mitgliedern unter anderem Feist, Metric's Emily Haines oder Amy Millan und Torquil Campbell von den Stars zählen. Des Weiteren ist der 37-Jährige erfolgreicher Videoregisseur und Teilhaber von Arts & Crafts, dem vielleicht wichtigsten kanadischen Musiklabel, das bereits 20 Juno Awards verzeichnen kann. Neben fünf Alben, die er mit Broken Social Scene veröffentlichte und zwei weiteren, die ihm und seiner Band KC Accidental zuzuschreiben sind, legte Kevin Drew 2007 mit "Spirit If..." zudem den Grundstein für seine Solokarriere. Damals noch mit dem Schriftzug "Brokcen Social Scene presents" versehen, verzichtet er nun, bei dem Nachfolgewerk "Darlings", auf sämtliche Stützräder und versucht freihändig in die Zukunft zu fahren.

"Darlings"
Kevin Drew - Darlings. Der pinke Schriftzug auf dem sonst schwarz gehaltenen Cover wirkt schlicht und doch auch ein ganz wenig rebellisch. Understatement 2014.

"Diese Platte ist ein Zelebrieren von Erinnerungen. Es geht um den Aufstieg und Fall von Liebe und Sex, in meinem eigenen Leben und der heutigen Gesellschaft. Dieses Thema begleitet mich seit Jahren. Ich näherte mich ihm rein über das Songwriting selbst und ließ alle Tricks und Explosionen hinter mir. Ich hoffe, ihr mögt es... und wenn nicht, dann gebt es jemandem, der es tut."

Mögen kann man "Darlings" definitiv. Schnell wird es zum Liebling der Stunde, indem das Album langsam und behutsam eine Tür öffnet, durch die es sich lohnt, hindurchzugehen. Ein sanfter Schimmer, ein Funken von Hoffnung und Unbeschwertheit locken den Hörer, während Songs wie "Body Butter" oder "Good Sex", ihre folkigen Grundkonstrukte in sanften Synthietexturen baden. Drews Stimme kratzt hier und da ein wenig, erinnert vielleicht sogar an U2s Bono, macht jedoch in Stücken wie "It's Cool" oder "My Good" einen nahezu gereinigten, unschuldigen Eindruck. Sphärisch wabern dabei elektrifizierte Soundfetzen durch die Luft. Vergleichbar einem feinen sommerlichen Regenschauer entlädt sich in Stücken wie "You Gotta Feel It" oder "You Got Caught" eine seichte Energie, wohingegen "Bullshit Ballad" ordentlich auf die Pauke haut. Der Mann aus der zweiten Reihe ist kurz ins Scheinwerferlicht getreten, um dann im nächsten Moment wieder in den Schatten zu verschwinden. Für eine Sekunde schien er greifbar, doch erreicht man das wahre Genie Kevin Drew wohl am Ende doch nur über seine Musik. "Darlings" ist somit ein weiteres Puzzleteil in der Rätselhaftigkeit jenes Herren aus Toronto.



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