Samstag, 10. Mai 2014

Album-Vorstellung: Tori Amos "Unrepentant Geraldines"

Tori Amos
Mit ihren fünfzig Jahren kann die in North Carolina geborene Myra Ellen Amos auf eine bewegte Karriere zurückschauen. Als Tochter eines Methodisten-Pfarrers und einer Mutter, die indianische Wurzeln in sich trägt, fand sie schon früh ihren ganz persönlichen Weg zur Spiritualität. Stimmungen, Gefühle und unbewusste Impulse sind seitdem die Leitfäden ihres Handelns und Schaffens. Was nützen schließlich all die Gedanken, wenn sie einen am Ende von den eigentlichen Wahrheiten des Lebens wegführen? Zu verkopft, und dabei meist auch viel zu unreflektiert, durchlaufen viele von uns die Tage und spüren gleichzeitig eine sich ausbreitende innere Leere. Unter dem Alias Tori füllte Amos selbige Inhaltslosigkeit kompromisslos mit der Musik, bis diese geradezu über den Rand ihres eigenen Horizontes hinausschwappte. Klänge und Melodien wurden im Zuge dessen zu ihren Ausdrucksmitteln, ihren stillen und lauten Begleitern, zu treuen Freunden. Seit "Y Kant Tori Read" (1988) hat Tori Amos bereits dreizehn Studioalben veröffentlicht, darunter zahlreiche Bestseller und Preisträger. Auf diesen jagen sensible und kraftvolle Kompositionen einander und verarbeiten darüber hinaus zahlreiche Schicksalsschläge und Glücksmomente. Doch Tori Amos hat ihre Geschichte noch lange nicht zu Ende erzählt und veröffentlicht mit "Unrepentant Geraldines" dieser Tage ein weiteres akustisches Meisterwerk.

"Unrepentant Geraldines"
Es geht um Frauen, die Vereinbarkeit von Sexualität und einer metaphysischen Kognition, um Sinnessuche, das Älterwerden, aber auch politische Themen wie die NSA-Affäre oder Steuerfahndungen. Tori Amos scheut auch auf "Unrepentant Geraldines" die Auseinandersetzung mit der Vielfältigkeit nicht. Und das weder auf thematischer noch auf akustischer Ebene. Trotz ihrer breiten Fächerung wirkt die neue Platte der Songwriterin dennoch sehr geschlossen. Vom verspielten, hellen Opener "America" bis zum zarten Klavierfinale "Invisible Boy" durchlaufen die vierzehn Stücke interessante Wendungen und besuchen auditive Schauplätze, an die sich selbst die kreative Tori in ihrer Vergangenheit nur selten begeben hat. Mal bluesig und mit Feuer in der Stimme ("Trouble's Lamment"), dann wieder pianolastiger ("Wild Way", "Weatherman", "Selkie", "Oysters") und an der einen oder anderen Stelle recht folkig ("Wedding Day"), experimentell ("16 Shades Of Blue") oder gar komödiantisch ("Giant's Rolling Pin") liefert "Unrepentant Geraldines" einen herrlichen Spannungsverlauf. Zudem lud Tori Amos ihre Tochter Tash ein, um bei dem Stück "Promise" zu zeigen, dass Talent nicht immer eine Generation überspringen muss. Die Stimmfarbe der 13-Jährigen ergänzt die mütterliche nahezu perfekt, greift deren Charakter auf und erweitert ihn durch moderne Akzente. "Unrepentant Geraldines" ist nach "Gold Dust", einem orchestralen Best Of aus dem Jahre 2012, der wahre Rückblick auf das Werk der rothaarigen Musikerin, indem es die Einflüsse aus über zwei Dekaden eindrucksvoll vereint.

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